here we are now – der Gestalter in der Turing Galaxis“ lautet der Arbeitstitel meiner Diplomarbeit (Kommunikationsdesign, Fakultät Gestaltung, FH-Würzburg). Sie dreht sich um die Möglichkeiten, die sich dem Gestalter in der veränderten medialen Welt des 21ten Jahrhunderts ergeben – und die Verantwortung, die er in dieser Welt zu tragen hat. In knapp tausend Wörtern versuche ich hier zu erklären, was genau in meinen Augen so anders ist an der medialen Welt im Jahr 2008 im Vergleich mit -sagen wir- 1988. Für wen diese Geschichte ein alter Hut ist, der darf sich bei Interesse direkt den einzelnen Projekten zuwenden, die ich plane im Laufe der nächsten Monate zu realisieren. Unter allem Umständen und zu allen Punkten sind stets konstruktive Kritik und kluge Fragen ausdrücklich erwünscht.

Wennn Kurt Kobain in smells like teen spirit „here we are now, entertain us“ singt, bringt er frustriert zum Ausdruck, was Medienkonsum im Jahr 1991 ausgemacht hat. Der Konsument steht in der Opferrolle vor dem ihm dargebotenen Inhalt. Er macht den Fernseher an und wartet auf Unterhaltung. 17 Jahre später sieht die Lage etwas anders aus. Menschen tragen zum neuen Medium Internet ebenso viel Inhalt bei, wie sie konsumieren, sie können aus einem größeren Angebot an Inhalten wählen, sind nicht mehr gewzungen nur das zu sehen, was eine beschränkte Anzahl an Fernsehsendern Ihnen vorkaut. Und dennoch hören Jugendliche „smells like teen spirit“ und fühlen sich angesprochen. Dabei ist das Einnehmen der Opferrolle als Medienrezipient keine Alternative mehr. Wer alles konsumiert, was er im Internet findet, geht unter. Wer hingegen bewusst nach Inhalten sucht, bekommt einen Inhalt, der nicht auf den Allgmeingeschmackt zugeschnitten ist, sondern auf immer kleinere Randgrupppen.

here we are now

Das sind nicht meine Beobachtungen und sie sind nicht neu. Alles beginnt mit Marshall McLuhan, der in medientechnologischen Entwicklungen eine wesentliche Ursache für die Veränderungen der sozialen Strukturen einer Gesellschaft sieht. Gleichzeitig mit dieser Theorie prägt er den Begriff „Gutenberg-Galaxis“ für die Welt, in der die Menschen nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern leben. Durch die Möglichkeit, Bücher in großem Mengen verfügbar zu machen, konnte auch mehr Wissen an die Menschen gebracht werden, die den eigenen Willen des Bürgers förderte. Lesen informiert Menschen, bildet sie. Kurz: Die Herausbildung des Bildungsbürgertums wurde eingeleitet oder zumindest stark begünstigt durch die Erfindung Gutenbergs.

Abgelöst wird die Gutenberg-Galaxis erst recht spät Mitte des 20ten Jahrhunderts durch die Tesla-Galaxis, benannt nach Nikola Tesla, der den ersten Radiosender konstruierte. Die Massenmedien Fernsehen und Radio/Hörfunk bestimmen die Elemente der Tesla-Galaxis. Eine kleine Zahl von Produzenten schafft die mediale Welt für die Weltbevölkerung, die fasziniert von den Möglichkeiten vor den Empfangsgeräten in Starre versinkt. Nach Chris Anderson dominiert Knappheit die Tesla-Galaxis: Es gibt nur beschränkt viele Kanäle und nur 24 Stunden Sendezeit am Tag. Sendezeit ist knapp, deswegen wird nur gesendet, was den meisten Konsumenten gefällt. Voilà, die Geburtsstunde des Mainstream. Was für Medienkonsum gilt, lässt sich auch auf andere Konsumgewohnheiten übertragen. Jede Fußgängerzone ist begrenzt groß, jeder Laden auch. Ladenfläche ist knapp. Wenn ein Musikgeschäft nur begrenzt viele Alben auf seine begrenzte Ladenfläche stellen kann, wird er die hinstellen, mit denen er am meisten Geld machen kann. Gleiches gilt für Teetassen, Fahrräder, Kuscheltiere und Mehl. Persönlich finde ich diese Erkenntniss äußerst beruhigend: Ich hab als Jugendlicher so unglaublich schlechte Musik gehört, weil ich keine andere kannte.

Jugendliche, die in der Turing-Galaxis aufwachsen, haben ein anderes Problem. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Gemeinsamkeit der technischen Entwicklungen basierend auf den Grundüberlegungen Alain Turings über eine „allgemeine Rechenmaschine“ den Menschen andere mediale Grundbedingungen geschaffen. Jede Ware kann durch die unendliche Ladenfläche im Internet auf gleicher Höhe und in gleichem Umfang angeboten werden. Das gilt wiederum für alle oben genannten Beispiele. Dadurch können mehr Variationen der gleichen Produktklasse und überhaupt mehr Produkte angeboten werden. Entgegen der Vorstellung des 20ten Jahrhunderts, die die Selektion von wenigen erfolgreichen Produkten durch den Allgemeingeschmack als Eigenschaft des Menschen sahen, nutzen die Konsumenten die neue Möglichkeit und suchen sich individuell Produkte abseits des Mainstream aus, die auf ihre Bedürfnisse passen. Dadurch entstehen nicht neue Verkaufsschlager, sondern Unmengen an kleinen und kleinsten Angeboten, die auf die Individualität des Kunden zugeschnitten sind. Dem Verkäufer geht dadurch kein Gewinn verloren, da durch die gesunkenen Lager- und Verkaufsflächenkosten im Internet irrelevant ist, ob er von einem Produkt zehntausend Exemplare verkauft, oder von zehntausend Produkten jeweils eins.

Die Herstellung erfolgt dabei nicht nur von den ehemaligen Marktbeherschern. Die Demokratisierung der Produktionsmittel macht jeden Konsumenten zum Produzenten. Wer Musik hört, kann sie per Homerecordingstudio selbst machen, wer Bier trinkt, kann es dank Hobbybierbraukits selber herstellen und verkaufen. Digitalkameras, Videoschnittprogramme, mp3-Recorder und immer der Heimcomputer machen aus den einstigen Konsumenten Prosumenten und aus dem anfänglich asynchronen Massenmedium einen synchronen Kommunikationskanal – zumindest teilwiese.

Schön und gut, aber was hat das alles mit Gestaltung zu tun?“ war die Gute Frage eines Studienkollegen. Nichts, das ist ja das Problem, war meine Antwort. Gerade Kommunikationsdesigner müssten die sich veränderte Medienwelt um sie herum bewusst wahrnehmen, neue Chancen erkennen und ihr Berufsbild anpassen. Gerade aber Gestalter zeigen sich äußerst resistent, ja fast schon reaktionär, wenn sie mit neuen gestalterischen Ansätzen konfrontiert werden. Natürlich, mit Websites kann man viele verrückte Dinge anstellen und Communityeffekte für virales Marketing benutzen. Aber schon bei zweiterem leidet ja die Seriösität und das kann doch so leicht nach hinten los gehen. Und der Amateur soll das Gestalten besser dem Profi überlassen.

Veränderungen können wir aber nicht aufhalten, also lass uns doch lieber sehen, was wir mit den Möglichkeiten alles anstellen können ohne gleich den Untergang einer ganzen Branche heraufzubeschwören. Wenn flickr und Wilogo uns Kommunikationsdesigner alle arbeitslos machen, haben wir es nicht anders verdient. Das ist zumindest meine Meinung über die Entwicklung. Was ich damit versuche anzustellen lässt sich auf der nächsten Seite lesen.

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